Veröffentlicht:31. August 2026
Die Versicherungsbranche befindet sich an einem Wendepunkt, an dem künstliche Intelligenz nicht mehr als technologische Option gilt, sondern als strategische Notwendigkeit. Doch bevor KI-Agenten Prozesse automatisieren, Entscheidungen vorbereiten oder entlang der Customer Journey Aufgaben übernehmen können, müssen Versicherer eine Herausforderung bewältigen, die tief in ihrer Vergangenheit verankert ist. Viele Kernsysteme stammen aus einer technologischen Epoche, in der Automatisierung, modulare Architekturen und Datenplattformen keine Rolle spielten. Diese Systeme bilden heute das Fundament, auf dem moderne Policenverwaltung, Schadenbearbeitung und aktuarielles Arbeiten aufsetzen sollen. Ein neuer Report von Roland Berger zeigt, dass die Modernisierung dieser Kernsysteme zur Voraussetzung wird, damit Daten, Automatisierung und KI-Anwendungen skalieren können.
Die Dimension dieser Aufgabe ist enorm. Kernsystem-Transformationen gehören zu den größten Technologieprogrammen der Branche, dauern oft mehrere Jahre und verschlingen zweistellige Millionenbeträge. Rund die Hälfte dieser Projekte verfehlt Zeit- oder Budgetziele. Gleichzeitig wird der Weiterbetrieb alter Systeme immer kostspieliger, weil sie IT-Budgets binden, regulatorische Anpassungen erschweren und Produktänderungen verlangsamen. Mit dem wachsenden Einsatz von KI rückt ein weiterer Aspekt in den Vordergrund. Daten und Geschäftslogiken müssen zuverlässig zugänglich sein, damit neue Anwendungen funktionieren. Genau hier zeigt sich, dass die Modernisierung der Kernsysteme längst kein reines IT-Projekt mehr ist, sondern eine geschäftskritische Weichenstellung.
Der Report verdeutlicht, wie stark sich die technische Architektur der Versicherer bereits verändert. Während drei Viertel der produktiven Kernsysteme noch in eigenen Rechenzentren laufen, werden neue Systeme zunehmend in der Cloud eingeführt. Besonders in der Lebensversicherung entsteht eine Architektur, in der das Kernsystem als stabiles System of Record fungiert, während Funktionen mit hoher Innovationsgeschwindigkeit über modulare Komponenten und Datenplattformen angebunden werden. Automatisierungs- und KI-Anwendungen rücken damit näher an die operative Wertschöpfung, ohne dass Versicherer zwingend ein einziges Großsystem austauschen müssen. Entscheidend wird vielmehr die Frage, welche Aufgaben das Kernsystem selbst übernehmen muss und welche sich außerhalb schneller weiterentwickeln lassen.
Die Migration dieser Systeme bleibt dennoch eine der anspruchsvollsten Aufgaben der Branche. Verträge aus verschiedenen Produktgenerationen, historisch gewachsene Datenstrukturen und über Jahrzehnte erweiterte Geschäftsregeln machen einen pauschalen Big Bang selten sinnvoll. Roland Berger empfiehlt Migrationsstrategien, die sich am Portfolio orientieren und hybride Modelle zulassen, in denen alte und neue Systeme zeitweise parallel bestehen. Die technische Vergangenheit eines Versicherers lässt sich nicht einfach abschalten. Sie muss verstanden, strukturiert und fachlich bewertet werden.
Besonders kritisch wird die Datenqualität. Versicherer erkennen zunehmend den Zusammenhang zwischen hochwertigen Daten und Profitabilität. Gute Daten verkürzen Testzyklen, reduzieren manuelle Prüfungen und ermöglichen hohe Straight-Through-Processing-Raten. Doch ein neues Kernsystem löst Datenprobleme nicht automatisch. Wer unvollständige oder widersprüchliche Bestandsdaten lediglich migriert, überträgt alte Fehler in neue Plattformen. Deshalb wird die Datenmodernisierung zu einem eigenen Arbeitsstrang, der klare Verantwortlichkeiten, Qualitätsgrenzen und nachvollziehbare Datenherkunft erfordert.
Interessant ist die Rolle der KI selbst. Sie steht nicht nur am Ende der Transformation, sondern kann bereits bei deren Durchführung helfen. Generative und agentische KI unterstützen beim Datenprofiling, bei der Erstellung von Testfällen, der Dokumentation und der Rekonstruktion historischer Geschäftslogiken. Damit entsteht eine Wechselwirkung, die den Umbau beschleunigen kann. Versicherer modernisieren ihre Systeme, damit KI künftig breiter eingesetzt werden kann, und setzen KI ein, um diese Modernisierung beherrschbarer zu machen.
Der Markt für Kernsysteme wächst rasant und könnte bis 2034 auf mehr als 32 Milliarden US-Dollar anwachsen. Gleichzeitig steigen die Abhängigkeiten von Cloud-Plattformen und externen Technologieanbietern. Versicherer müssen entscheiden, welche Funktionen sie selbst kontrollieren und an welchen Stellen sie sich dauerhaft an die Architektur ihrer Anbieter binden.
Die zentrale Erkenntnis des Reports lautet, dass die KI-Frage weit unterhalb der sichtbaren KI beginnt. Leistungsfähige Modelle können nur mit den Daten und Systemen arbeiten, auf die sie zuverlässig zugreifen können. Die Einführung neuer KI-Anwendungen lässt sich schnell demonstrieren, doch die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sie tief in die Wertschöpfung eingreifen, dauert Jahre. Die Zukunft der Versicherungs-IT beginnt damit ausgerechnet bei der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit.
Der Artikel erschien im Original zuerst auf experten.de unter dem Titel: „KI trifft auf alte Kernsysteme: Warum Versicherer erst ihre Vergangenheit aufräumen müssen“. Redaktionelle Bearbeitung: MK
Versicherer modernisieren ihre IT-Vergangenheit
Veröffentlicht:31. August 2026
Die Versicherungsbranche befindet sich an einem Wendepunkt, an dem künstliche Intelligenz nicht mehr als technologische Option gilt, sondern als strategische Notwendigkeit. Doch bevor KI-Agenten Prozesse automatisieren, Entscheidungen vorbereiten oder entlang der Customer Journey Aufgaben übernehmen können, müssen Versicherer eine Herausforderung bewältigen, die tief in ihrer Vergangenheit verankert ist. Viele Kernsysteme stammen aus einer technologischen Epoche, in der Automatisierung, modulare Architekturen und Datenplattformen keine Rolle spielten. Diese Systeme bilden heute das Fundament, auf dem moderne Policenverwaltung, Schadenbearbeitung und aktuarielles Arbeiten aufsetzen sollen. Ein neuer Report von Roland Berger zeigt, dass die Modernisierung dieser Kernsysteme zur Voraussetzung wird, damit Daten, Automatisierung und KI-Anwendungen skalieren können.
Die Dimension dieser Aufgabe ist enorm. Kernsystem-Transformationen gehören zu den größten Technologieprogrammen der Branche, dauern oft mehrere Jahre und verschlingen zweistellige Millionenbeträge. Rund die Hälfte dieser Projekte verfehlt Zeit- oder Budgetziele. Gleichzeitig wird der Weiterbetrieb alter Systeme immer kostspieliger, weil sie IT-Budgets binden, regulatorische Anpassungen erschweren und Produktänderungen verlangsamen. Mit dem wachsenden Einsatz von KI rückt ein weiterer Aspekt in den Vordergrund. Daten und Geschäftslogiken müssen zuverlässig zugänglich sein, damit neue Anwendungen funktionieren. Genau hier zeigt sich, dass die Modernisierung der Kernsysteme längst kein reines IT-Projekt mehr ist, sondern eine geschäftskritische Weichenstellung.
Der Report verdeutlicht, wie stark sich die technische Architektur der Versicherer bereits verändert. Während drei Viertel der produktiven Kernsysteme noch in eigenen Rechenzentren laufen, werden neue Systeme zunehmend in der Cloud eingeführt. Besonders in der Lebensversicherung entsteht eine Architektur, in der das Kernsystem als stabiles System of Record fungiert, während Funktionen mit hoher Innovationsgeschwindigkeit über modulare Komponenten und Datenplattformen angebunden werden. Automatisierungs- und KI-Anwendungen rücken damit näher an die operative Wertschöpfung, ohne dass Versicherer zwingend ein einziges Großsystem austauschen müssen. Entscheidend wird vielmehr die Frage, welche Aufgaben das Kernsystem selbst übernehmen muss und welche sich außerhalb schneller weiterentwickeln lassen.
Die Migration dieser Systeme bleibt dennoch eine der anspruchsvollsten Aufgaben der Branche. Verträge aus verschiedenen Produktgenerationen, historisch gewachsene Datenstrukturen und über Jahrzehnte erweiterte Geschäftsregeln machen einen pauschalen Big Bang selten sinnvoll. Roland Berger empfiehlt Migrationsstrategien, die sich am Portfolio orientieren und hybride Modelle zulassen, in denen alte und neue Systeme zeitweise parallel bestehen. Die technische Vergangenheit eines Versicherers lässt sich nicht einfach abschalten. Sie muss verstanden, strukturiert und fachlich bewertet werden.
Besonders kritisch wird die Datenqualität. Versicherer erkennen zunehmend den Zusammenhang zwischen hochwertigen Daten und Profitabilität. Gute Daten verkürzen Testzyklen, reduzieren manuelle Prüfungen und ermöglichen hohe Straight-Through-Processing-Raten. Doch ein neues Kernsystem löst Datenprobleme nicht automatisch. Wer unvollständige oder widersprüchliche Bestandsdaten lediglich migriert, überträgt alte Fehler in neue Plattformen. Deshalb wird die Datenmodernisierung zu einem eigenen Arbeitsstrang, der klare Verantwortlichkeiten, Qualitätsgrenzen und nachvollziehbare Datenherkunft erfordert.
Interessant ist die Rolle der KI selbst. Sie steht nicht nur am Ende der Transformation, sondern kann bereits bei deren Durchführung helfen. Generative und agentische KI unterstützen beim Datenprofiling, bei der Erstellung von Testfällen, der Dokumentation und der Rekonstruktion historischer Geschäftslogiken. Damit entsteht eine Wechselwirkung, die den Umbau beschleunigen kann. Versicherer modernisieren ihre Systeme, damit KI künftig breiter eingesetzt werden kann, und setzen KI ein, um diese Modernisierung beherrschbarer zu machen.
Der Markt für Kernsysteme wächst rasant und könnte bis 2034 auf mehr als 32 Milliarden US-Dollar anwachsen. Gleichzeitig steigen die Abhängigkeiten von Cloud-Plattformen und externen Technologieanbietern. Versicherer müssen entscheiden, welche Funktionen sie selbst kontrollieren und an welchen Stellen sie sich dauerhaft an die Architektur ihrer Anbieter binden.
Die zentrale Erkenntnis des Reports lautet, dass die KI-Frage weit unterhalb der sichtbaren KI beginnt. Leistungsfähige Modelle können nur mit den Daten und Systemen arbeiten, auf die sie zuverlässig zugreifen können. Die Einführung neuer KI-Anwendungen lässt sich schnell demonstrieren, doch die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sie tief in die Wertschöpfung eingreifen, dauert Jahre. Die Zukunft der Versicherungs-IT beginnt damit ausgerechnet bei der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit.
Der Artikel erschien im Original zuerst auf experten.de unter dem Titel: „KI trifft auf alte Kernsysteme: Warum Versicherer erst ihre Vergangenheit aufräumen müssen“. Redaktionelle Bearbeitung: MK








