Agentic AI verändert die Zukunft der Enterprise-Architektur

Kategorien: IT-Infrastruktur, KI, Software3,6 min read

Der anhaltende Aufstieg generativer und agentischer KI verändert die Grundlagen der Unternehmens-IT in einem Tempo, das selbst erfahrene Enterprise-Architekten herausfordert. Während manche Stimmen bereits das Ende klassischer Enterprise-Anwendungen ausrufen, zeigt sich in der Praxis ein differenziertes Bild. Die Rolle der Enterprise Software Architecture bleibt zentral, doch ihr Selbstverständnis wandelt sich tiefgreifend. Unternehmen müssen nicht nur ihre Systeme neu denken, sondern auch die Aufgaben derjenigen, die diese Systeme gestalten.

Thomas Greutmann, Head of Enterprise Architecture bei Otto, beschreibt die Funktion der ESA als Schutzmechanismus gegen Fehlentscheidungen in komplexen IT-Landschaften. Je größer die Vielfalt der Systeme, desto wichtiger sei eine Instanz, die den Überblick behält und langfristige Planung verantwortet. Greutmann vergleicht diese Aufgabe mit einer Versicherung, deren Wert sich daran bemisst, wie viel ein Unternehmen bereit ist, für die Vermeidung strategischer Fehler auszugeben. Nach seiner Einschätzung liegt dieser Wert bei rund einem Prozent des IT-Budgets. Die Investition sei notwendig, weil die Architektur die einzige Stelle sei, die nicht von lokalen Interessen getrieben werde, sondern das Gesamtbild im Blick behalte.

Dietgar Völzke, Vorstand für IT und Prozesse bei der Netfonds AG, geht noch einen Schritt weiter. Für ihn ist Architektur nicht nur ein Stabilitätsfaktor, sondern ein geschäftskritischer Hebel für Skalierbarkeit. Da Unternehmen ihre Ziele nicht mehr allein durch zusätzliches Personal erreichen könnten, werde die Architektur zum entscheidenden Motor für Wachstum. Mit dem Einzug autonomer KI-Systeme verschiebe sich die Verantwortung der menschlichen Experten. Sie müssten künftig die Richtung vorgeben, Innovationen gestalten und die Qualität sichern, während KI die operative Arbeit übernehme. Völzke erwartet, dass sich die Architektur stärker an den Geschäftsprozessen orientiert und neue Rollen entstehen, die technische und fachliche Expertise verbinden.

Besonders deutlich wird der Wandel beim Blick auf Agentic AI. Für Greutmann ist sie der Maßstab, an dem sich alle Überlegungen orientieren müssen. Die Technologie verändere nicht nur Werkzeuge, sondern ganze Prozessketten. Unternehmen, die KI lediglich zur Optimierung bestehender Abläufe nutzen, würden die eigentlichen Potenziale verfehlen. Wer die disruptiven Möglichkeiten früh erkenne, könne sich einen Vorsprung erarbeiten, der in den kommenden Jahren entscheidend sein werde.

Völzke sieht in Agentic AI einen Paradigmenwechsel, der die Art und Weise, wie Systeme gebaut werden, grundlegend verändert. Die Vision sei ein orchestriertes Gesamtsystem, in dem KI den Code generiert und Architekten die Rahmenbedingungen definieren. Statt starrer Services entstünden dynamische Strukturen, die sich durch autonome Agenten fortlaufend weiterentwickeln. Die Geschwindigkeit der Entwicklung könne sich vervielfachen, was neue Anforderungen an Sicherheit, Skalierbarkeit und Governance mit sich bringe.

Diese Dynamik führt zu einem Balanceakt, der für ESA-Teams zur Daueraufgabe wird. Greutmann beschreibt die Herausforderung als schmalen Grat zwischen Wiederverwendung und Innovation, zwischen Effizienz und Geschwindigkeit, zwischen klaren Regeln und kreativer Freiheit. Nur ein kontinuierlicher Dialog mit dem Business könne verhindern, dass Unternehmen in eine Richtung kippen und dadurch langfristig Schaden nehmen. Die Architektur müsse sich ständig hinterfragen und anpassen, auch wenn dieser Prozess anstrengend sei.

Völzke ergänzt, dass die organisatorischen Fragen ebenso komplex seien wie die technologischen. Wenn Code von Maschinen generiert werde, stelle sich die Frage nach Haftung neu. Compliance müsse anders gedacht werden, Kostenstrukturen veränderten sich und die Ausbildung zukünftiger Experten werde schwieriger, weil klassische Lernwege wegfallen könnten. Für ihn liegt die Lösung nicht in einem radikalen Umbruch, sondern in pragmatischen Schritten, die echte Erfahrungen ermöglichen. Kleine, fokussierte Teams könnten als Leuchttürme dienen, die neue Methoden testen und weiterentwickeln. Gleichzeitig müssten Rollenbilder aktiv gestaltet werden, damit Mitarbeitende die Veränderungen nicht als Bedrohung, sondern als Chance wahrnehmen.

Die Diskussion zeigt, dass Enterprise Architecture trotz aller Umbrüche nicht an Bedeutung verliert. Sie wird zum strategischen Zentrum einer IT, die sich durch autonome Systeme neu definiert. Unternehmen, die diesen Wandel bewusst gestalten, können die Möglichkeiten von Agentic AI nutzen, ohne die Kontrolle zu verlieren. Die Zukunft der Architektur liegt nicht im Festhalten an alten Modellen, sondern im Mut, neue Wege zu gehen und die eigene Rolle neu zu interpretieren.

Der Artikel erschien im Original zuerst auf cio.de unter dem Titel: „ Agentic AI: Der Endgegner der Enterprise Software Architecture“ Redaktionelle Bearbeitung: MK

Agentic AI verändert die Zukunft der Enterprise-Architektur

Kategorien: IT-Infrastruktur, KI, Software3,6 min read

Der anhaltende Aufstieg generativer und agentischer KI verändert die Grundlagen der Unternehmens-IT in einem Tempo, das selbst erfahrene Enterprise-Architekten herausfordert. Während manche Stimmen bereits das Ende klassischer Enterprise-Anwendungen ausrufen, zeigt sich in der Praxis ein differenziertes Bild. Die Rolle der Enterprise Software Architecture bleibt zentral, doch ihr Selbstverständnis wandelt sich tiefgreifend. Unternehmen müssen nicht nur ihre Systeme neu denken, sondern auch die Aufgaben derjenigen, die diese Systeme gestalten.

Thomas Greutmann, Head of Enterprise Architecture bei Otto, beschreibt die Funktion der ESA als Schutzmechanismus gegen Fehlentscheidungen in komplexen IT-Landschaften. Je größer die Vielfalt der Systeme, desto wichtiger sei eine Instanz, die den Überblick behält und langfristige Planung verantwortet. Greutmann vergleicht diese Aufgabe mit einer Versicherung, deren Wert sich daran bemisst, wie viel ein Unternehmen bereit ist, für die Vermeidung strategischer Fehler auszugeben. Nach seiner Einschätzung liegt dieser Wert bei rund einem Prozent des IT-Budgets. Die Investition sei notwendig, weil die Architektur die einzige Stelle sei, die nicht von lokalen Interessen getrieben werde, sondern das Gesamtbild im Blick behalte.

Dietgar Völzke, Vorstand für IT und Prozesse bei der Netfonds AG, geht noch einen Schritt weiter. Für ihn ist Architektur nicht nur ein Stabilitätsfaktor, sondern ein geschäftskritischer Hebel für Skalierbarkeit. Da Unternehmen ihre Ziele nicht mehr allein durch zusätzliches Personal erreichen könnten, werde die Architektur zum entscheidenden Motor für Wachstum. Mit dem Einzug autonomer KI-Systeme verschiebe sich die Verantwortung der menschlichen Experten. Sie müssten künftig die Richtung vorgeben, Innovationen gestalten und die Qualität sichern, während KI die operative Arbeit übernehme. Völzke erwartet, dass sich die Architektur stärker an den Geschäftsprozessen orientiert und neue Rollen entstehen, die technische und fachliche Expertise verbinden.

Besonders deutlich wird der Wandel beim Blick auf Agentic AI. Für Greutmann ist sie der Maßstab, an dem sich alle Überlegungen orientieren müssen. Die Technologie verändere nicht nur Werkzeuge, sondern ganze Prozessketten. Unternehmen, die KI lediglich zur Optimierung bestehender Abläufe nutzen, würden die eigentlichen Potenziale verfehlen. Wer die disruptiven Möglichkeiten früh erkenne, könne sich einen Vorsprung erarbeiten, der in den kommenden Jahren entscheidend sein werde.

Völzke sieht in Agentic AI einen Paradigmenwechsel, der die Art und Weise, wie Systeme gebaut werden, grundlegend verändert. Die Vision sei ein orchestriertes Gesamtsystem, in dem KI den Code generiert und Architekten die Rahmenbedingungen definieren. Statt starrer Services entstünden dynamische Strukturen, die sich durch autonome Agenten fortlaufend weiterentwickeln. Die Geschwindigkeit der Entwicklung könne sich vervielfachen, was neue Anforderungen an Sicherheit, Skalierbarkeit und Governance mit sich bringe.

Diese Dynamik führt zu einem Balanceakt, der für ESA-Teams zur Daueraufgabe wird. Greutmann beschreibt die Herausforderung als schmalen Grat zwischen Wiederverwendung und Innovation, zwischen Effizienz und Geschwindigkeit, zwischen klaren Regeln und kreativer Freiheit. Nur ein kontinuierlicher Dialog mit dem Business könne verhindern, dass Unternehmen in eine Richtung kippen und dadurch langfristig Schaden nehmen. Die Architektur müsse sich ständig hinterfragen und anpassen, auch wenn dieser Prozess anstrengend sei.

Völzke ergänzt, dass die organisatorischen Fragen ebenso komplex seien wie die technologischen. Wenn Code von Maschinen generiert werde, stelle sich die Frage nach Haftung neu. Compliance müsse anders gedacht werden, Kostenstrukturen veränderten sich und die Ausbildung zukünftiger Experten werde schwieriger, weil klassische Lernwege wegfallen könnten. Für ihn liegt die Lösung nicht in einem radikalen Umbruch, sondern in pragmatischen Schritten, die echte Erfahrungen ermöglichen. Kleine, fokussierte Teams könnten als Leuchttürme dienen, die neue Methoden testen und weiterentwickeln. Gleichzeitig müssten Rollenbilder aktiv gestaltet werden, damit Mitarbeitende die Veränderungen nicht als Bedrohung, sondern als Chance wahrnehmen.

Die Diskussion zeigt, dass Enterprise Architecture trotz aller Umbrüche nicht an Bedeutung verliert. Sie wird zum strategischen Zentrum einer IT, die sich durch autonome Systeme neu definiert. Unternehmen, die diesen Wandel bewusst gestalten, können die Möglichkeiten von Agentic AI nutzen, ohne die Kontrolle zu verlieren. Die Zukunft der Architektur liegt nicht im Festhalten an alten Modellen, sondern im Mut, neue Wege zu gehen und die eigene Rolle neu zu interpretieren.

Der Artikel erschien im Original zuerst auf cio.de unter dem Titel: „ Agentic AI: Der Endgegner der Enterprise Software Architecture“ Redaktionelle Bearbeitung: MK